Das Geschenk.

„Heute wird es einen Schneesturm geben.“ sagt der Vater und legt ein paar Scheite Holz in den Kachelofen. Durch die offene Ofentür sieht Paula die Flammen lodern. Traurig schaut das siebenjährige Mädchen zu ihrem Schreibtisch, auf dem die selbstgebastelten Wichtel aus Tannenzapfen und der Schlitten aus Zweigen steht, welcher mit Eicheln und Kastanien gefüllt ist. Ihre Augen füllen sich langsam mit Tränen.

Der Morgen ist noch jung am heiligen Abend auf dem Bauernhof weit oben in den Bergen. Die Mutter bereitet das Frühstück und Anton, Paulas kleiner Bruder, spielt auf dem Esstisch mit zwei Holzautos. Eigentlich wollte die Familie nach dem Mittagessen den Berg hinunter ins Dorf gehen, um gemeinsam mit Onkel, Tante, deren Kindern sowie den Großeltern die Christmette zu besuchen. Anschließend war das traditionelle Abendessen und die von den Kindern langersehnte Bescherung geplant. All das war nun nicht mehr möglich. Paulas Tränen laufen die Wangen hinab, sie stellt sich ans Fenster und sieht durch die Eisblumen hindurch auf den stärker werdenden Wind. Noch tanzen die Schneeflocken munter umher. Nur ab und zu bringt eine Windbö das Ensemble durcheinander. Mutter ruft zum Frühstück.

Nach dem Essen hilft Paula der Mutter beim Abwasch. Die Mutter hat bereits während des Frühstücks gemerkt, dass ihre Tochter traurig ist. Sie nimmt Paula in den Arm und tröstet sie. „Heute Nachmittag setzen wir uns alle an den Kachelofen und lauschen Vater, wenn er uns Weihnachtsgeschichten vorliest.“ Das heitert Paula nicht sehr auf. Sie wollte so gern ihre Geschenke heute bekommen. Doch diese warten unten im Dorf. Während Mutter den Eintopf für das Mittagessen bereitet, schaut Paula dem Schneetreiben zu. Der Wind ist stärker geworden und es pfeift um das Dach herum, als würde jemand laut und falsch auf einem Blasinstrument spielen.

Vater war noch kurz vorm Haus, um Holz zu holen. Gerade eben kommt er zur Tür herein, klopft sich den Schnee von der Jacke und lächelt Paula zu. Anton spielt wieder mit seinen Autos auf dem Küchentisch. Er hat aus Holzbausteinen einen kleinen Tunnel gebaut, wo er die Autos nun mit einem lauten „Brumm, Brumm“ hin und her fährt. Paula setzt sich zu ihm und faltet Schneeflocken aus Papier.

Mutter hängt die Papierkristalle nach dem Mittagessen an das Küchenfenster. Wegen des Schneesturms ist es bereits am frühen Nachmittag draußen ziemlich dunkel. Paula darf die Kerzen der Weihnachtspyramide anzünden. Es gibt Tee und selbstgebackene Plätzchen. Die beiden Kinder haben es sich mit der Mutter unter einer Decke am Ofen gemütlich gemacht. Begierung lauschen sie den Worten des Vaters, der aus einem alten Buch Weihnachtsgeschichten mit tiefer und sonorer Stimme vorliest.

Schnell bricht die Abendszeit an. Der Sturm heult noch immer um das Haus und stemmt sich gegen die Fensterscheiben. Doch sie halten dem Drücken und Zerren stand. Nur manchmal flackern die Kerzen ein wenig, wenn eine allzu starke Bö den Weg durch eine winzige Fensterritze gefunden hat. Das Abendbrot verläuft in gedrückter Stimmung, trotz des leckeren Kartoffelsalates, welchen die Mutter noch am Vormittag zubereitet hatte. Paula geht gleich nach dem Mahl in ihr Zimmer. Anton hilft der Mutter Äpfel auszuhöhlen und schon bald sollte lieblicher Bratapfelduft durch das Haus ziehen. Vater sitzt ebenfalls am Küchentisch und knackt Walnüsse. Paula hingegen hockt traurig an ihrem Schreibtisch und schaut die Zapfenwichtel und den Holzschlitten an. Jetzt zu dieser Zeit wäre die Bescherung gewesen. Dann schweift ihr Blick zum Fenster. Im Kerzenlicht erscheinen die Eisblumen noch zerbrechlicher als bei Tageslicht. Der Sturm wirft immer wieder Schneeflocken an das Fenster.

Doch plötzlich klopft etwas sanft gegen die Scheibe. Paula erschrickt. ‚Das war kein Schnee und auch kein Wind.’ flüstert sie und geht vorsichtig zum Fenster. Dort sitzt eine vom Sturm zerzauste Elfe auf der Spitze einer Eisblume und lächelt Paula an. Das Mädchen ist wie erstarrt von dem, was sie da gerade sieht. Dann lächelt sie zaghaft zurück und ihr wird klar: ‚Das schönste Geschenk ist, diesen besonderen Tag gemeinsam mit der Familie zu verbringen’.

Sie schaut noch einmal zum Fenster, doch die Elfe ist verschwunden. Paula presst ihre Nase an die Scheibe, doch sie sieht nichts als Dunkelheit und Schneeflocken, die an die Scheibe fallen. Dann rennt sie freudestrahlend in die Küche, herzt Vater, Mutter und ihren Bruder, der überhaupt nicht weiß, wie ihm geschieht. Kurze Zeit später liegt Paula im Bett und lächelt im Schlaf.

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