Der Tag vor Heiligabend.

Der Südostwind weht ganz sanft an diesem Nachmittag des 23. Dezember. Er streichelt zart mein Gesicht. Zumindest den Teil, der nicht von Mütze und Schal bedeckt ist. Die Kälte zwickt sanft auf der Haut. Ich vergrabe meine behandschuhten Hände noch tiefer in die Manteltaschen. Jetzt bin ich am Waldrand angelangt. Ahornbäume begrüßen mich zur Rechten, Eichen und Buchen nicken mir leicht zur Linken zu. Es herrscht absolute Stille. Kein Vogel zwitschert oder tirilliert. Nicht einmal meine eigenen Schritte höre ich, denn es liegt kein Schnee, der unter meiner Last knirschen könnte. Das Herbstlaub ist durch den Frost auf dem Weg angeklebt.

Inzwischen bin ich an der Kieferschonung angekommen. Dunkelgrün, in Reih und Glied einst gepflanzt, stehen die Bäume stumm da. Die Lücken zwischen den einzelnen Reihen bilden lange Tunnel, die endlos erscheinen. Ein faszinierender Anblick.

Ich laufe weiter und sehe rechts von mir auf der Rehwiese einen Fuchs entlang schnüren. Nun, ich werde die Wiese von nun an Fuchswiese nennen. Nachdem ich ein kleines Birkenwäldchen durchstreift habe, sehe ich auf dem Feld vor mir sechs Rehe. Sie sollten eigentlich auf der Rehwiese sein und nicht auf dem Feld der hiesigen Agrargenossenschaft herumstromern. Aber woher sollen die Rehe auch wissen, dass es eine Rehwiese gibt, es hat ihnen ja niemand gesagt. Sie stehen einfach da und spähen in meine Richtung. Ich blicke nun ein wenig grimmig und plötzlich rennen sie los in den schützenden Wald am Ende des Feldes. Aber so böse habe ich nun auch wieder nicht geschaut.

Diese Stille hat schon etwas Anmutendes. Kein Zweig bewegt sich. Dann segelt etwas Weißes neben mir auf das Heidekraut. Es ist wohl ein Mauserfederchen einer Meise oder eines Finks. Langsam bricht die Dämmerung herein und ich mache mich auf den Rückweg. Mit einem Mal fällt noch mehr Weiß vom Himmel. Erst zaghaft, dann wird es immer mehr. Es schneit. Bald ist das Anthrazit meines Mantel nicht mehr zu erkennen. Eine weiße Jacke steht mir aber auch. Einige Schneeflocken setzen sich auf meine Brille, andere auf meine Lippen, doch diese schmelzen sofort.

Inzwischen hat der Waldboden einen weißen Anstrich bekommen und so finde ich mich im Halbdunkel besser zurecht. Der Schneefall ist so stark, dass ich nur noch wenige Meter sehen kann. Lautlos fallen Millionen von Flocken auf die Erde. Da kann sich der Regen mit seinem Geprassel mal ein Beispiel dran nehmen.
Bald liegt der Wald hinter mir, es schneit nun sanfter. Ich sehe die Lichter des Dorfes von Ferne leuchten. In der Weihnachtszeit sind auch die Vorgärten und die Fenster mit bunten Lichtern und allerlei Dekorationen versehen. Es bereitet mir immer wieder Freude, einen Blick in die Häuser zu erhaschen, wie denn die Menschen ihre Wohnung geschmückt haben.

Dann bin ich auch schon zu Hause, klopfe vor der Haustür den Schnee vom Mantel. Drinnen koche ich mir einen Tee, zünde jede Menge Kerzen an und lege Weihnachtsmusik auf. Ungeduldig wartet auf dem Sofa das fast ausgelesene Buch auf mich. Heiligabend kann kommen. Ich bin bereit.

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