Der Kampf um die Eierschecke.

Ein warmer Windhauch streichelt zärtlich mein Gesicht. Er lässt die Blätter der alten Linde über mir leicht hin- und her tanzen. Im Liegen sehe ich die Sommersonne durch das üppige Grün hindurch blinzeln. Ich kneife die Augen zusammen. Neben mir laben sich einige Wespen an der halb aufgegessenen Eierschecke. Ich lasse sie gewähren, schließlich habe ich mir schon anderthalb Stück der delikaten Backware einverleibt. Ein Hautflügler krabbelt voller Elan aus der Kaffeetasse. Wahrscheinlich hat diese Wespe einen Koffeinschock erlitten, denn sie rast im Steilflug nach oben und verschwindet im Grün der Baumkrone. Ich schiebe mir den Strohhut über das Gesicht und döse vor mich hin.

„Das ist unsere Eierschecke, wir haben sie zuerst gesehen!“ herrscht die Wespe ihresgleichen an. „Nein, sie gehört uns, den Gelb-Schwarzen Wespen vom Südhügel.“ erwidert barsch die andere Wespe. „Ihr Südhügelwespen habt überhaupt nicht das Recht, euch unter der alten Linde aufzuhalten, geschweige denn, irgendwelche Leckereien zu naschen.“ schmäht der andere Hautflügler zurück, „Nur die Schwarz-Gelben Wespen vom Nordhügel dürfen hier fliegen.“ Die Wespen streiten sich weiter, inzwischen kommen noch mehr Artgenossen hinzu und alle schimpfen und zetern wild durcheinander. Es fallen Begriffe wie gelb-schwarzer Kuchendieb, schielendes Facettenauge, schwarz-gelbes Fünfbein und noch andere Worte, die ich nicht wiederholen möchte.

Die Gelb-Schwarzen und die Schwarz-Gelben steigern sich so in ihre Schimpftiraden hinein, dass sie gar nicht merken, dass die Waldameisen inzwischen still und leise den Kuchen aus dem Kampfgebiet gebracht haben. Es dauert mehr als eine Weile, bis die Streithähne Streitwespen sich beruhigen. Dann sehen sie, dass der Kuchen verschwunden ist, nur der Teller und der Löffel liegen einsam auf dem Boden. Es herrscht plötzlich Stille, nur der Wind säuselt in den Blättern.

Just in diesem Moment hören die Hautflügler vom Boden eine Stimme rufen. Auf der Spitze des Kaffeelöffels steht eine Waldameise und gestikuliert wild mit dem vorderen Beinpaar. Die Gelb-Schwarzen und die Schwarz-Gelben Wespen haben Respekt vor den emsigen Ameisen, sie platzieren sich kreisförmig um den Löffel und lauschen der Fleißmeise: „Wir Ameisen haben schon lange mit angesehen, wie ihr Nordhügler und ihr Südhügler euch wegen Kleinigkeiten bekriegt. Warum geht ihr nicht friedfertig miteinander um, wir können die Dinge miteinander teilen? Es ist genug für alle da.“ Murrendes Summen weicht langsam einem ‚Du hast ja irgendwie Recht‘-Summen. „Nur gemeinsam können wir unser Tal erhalten, wir müssen uns gegenseitig helfen, anstatt uns zu das Leben schwer zu machen.“ führt die Ameise weiter aus. Die beiden Wespen, welche den Streit vom Zaun gebrochen haben, lassen die Köpfe hängen. „Nun reicht euch schon die Vorderbeine und vertragt euch!“ weist die Ameise an. Die beiden tun wie geheißen. Die Waldameisen schaffen den Kuchen wieder herbei und die Wespen summen fröhlich drumherum.

Ich schrecke auf und blinzle gegen das grelle Licht. Der Schlaf muss mich übermannt haben. Noch immer wuseln die Wespen auf dem Kuchen umher. Sie vernichten einträchtig die letzten Reste der Eierschecke. ‚Na also, es geht doch.‘ denke ich und lasse mich wieder ins warme Gras fallen.

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