Ersatzteilkauf.

Es begann vor einigen Monaten. Ich schob es auf die anstrengenden Arbeitstage am Computer. Leichte Kopfschmerzen suchten mich regelmäßig heim, wenn ich lange am PC saß. Immer öfter merkte ich, dass ich die kleine Schrift auf den Lebensmittelverpackungen nicht recht entziffern konnte. Egal, ich esse auch abgelaufene Nahrungsmittel und die mit Geschmacksverstärkern und viel Zucker.

Sogar das Zeitunglesen bereitete mir Schwierigkeiten, aber das war wiederum nicht so schlimm, weil so viele positive Dinge stehen da auch nicht mehr drin und wenn Dynamo gewann, war die Überschrift auch ohne Brille lesbar. Wurde das Licht schummrig, war es dann ganz vorbei mit dem Lesen. Zur Not half das Hochschieben der Fernbrille und das Ganz-nah-ans-Auge-Halten des Schriftstücks. Aber das wollte ich in der Öffentlichkeit nicht tun, immerhin bin ich erst gefühlte 26 Jahre alt (ausgeschlafen, nur am Wochenende).

So quälte ich mich einige Wochen herum, bis ich den Entschluss fasste, doch zum Optiker zu gehen. Dieser bestätigte mir, dass ich alt bin. Natürlich sagte er es nicht so plump, er meinte ganz selbstverständlich: „Es ist Zeit für eine Gleitsichtbrille.“ Meine innere Jugend bröckelte ins Nichts wie der Kreidefelsen auf Rügen nach einer stürmischen See. Mein bisheriges Leben zog im Zeitraffer an meinem trüben Auge vorbei. „Es ist nur eine Gleitsichtbrille.“ hörte ich den Fachmann des Nasenfahrrades wie durch Watte reden, als er meinen leeren Blick sah.

Ich fügte mich meinem Schicksal und setzte mich auf den Stuhl, um das Ausmaß meiner Nahsehunfähigkeit messen zu lassen. „Es ist nicht sehr schlimm, aber eine Gleitsichtbrille wird ihnen wieder mehr Lebensqualität geben.“ Der Optiker nahm wieder das böse Wort in den Mund. Aber er wollte mir helfen und natürlich ein wenig Geld an mir verdienen.

Eine reichliche Woche später konnte ich meine neue Sehhilfe abholen. Natürlich hatte ich mir ein schickes Gestell ausgesucht. Schließlich muss ich ja davon ablenken, dass es eine Gleitsichtbrille ist. Und es ist wirklich wahr: Die Gläser sehen aus, wie bei einer ganz normalen Brille. Allerdings ließ der Preis des Sehwerkzeuges meinen Kontostand schmelzen wie die Julisonne das Softeis. Ersatzteile sind eben teuer. Aber jetzt sehe ich wieder in der Ferne und in der Nähe scharf. Nun macht es mir auch nichts mehr aus, dass ich in Wirklichkeit 46 Jahre alt bin.

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