Elternabend oder Apocalypse Now.

Kaum hat das neue Schuljahr begonnen, dauert es nur ein paar Tage, bis die Einladung zum Elternabend folgt. Jedes Mal hole ich tief Luft, rolle laut hörbar mit den Augen und sage dennoch zu. Schließlich will man ja wissen, was den Kindern und den Eltern die nächste Monate alles widerfahren wird.

Es ist immer wieder ein komisches Gefühl, ein Schulgebäude zu betreten, egal, wie lange der Schulabschluss her ist. Die unterbewussten Ängste stecken tief. Sehr tief. Im Klassenzimmer angekommen, sitzen die übereifrigen (und später auch nervige Fragen stellenden) Eltern schon in den kniearthroseförderlichen Stühlen eingezwängt an den Tischen. Zum Glück ist bei meinen Kindern die Grundschulzeit vorbei und das Gestühl sind nicht mehr so ganz niedrig. Dafür kleben regelmäßig Kaugummi oder Popel unterm Tisch. Aber das war vor Jahrzehnten auch schon so. An den Wänden hängen die Arbeiten unseres Nachwuchses. Naive Kunst ist auch schön, es sind ja unsere Kinder.

Die Klassenlehrerin, nennen wir sie Frau D., begrüßt die Eltern und es folgen Termine ohne Ende, als wären unserere Kinder Vorstände einer Weltfirma: Unterrichtsfreie Tage, Wandertage, Schulfeiern, Schließtage und so weiter. Irgendwann beginnt der spannende Teil, bei der die Lehrerin, versucht, anonym die Missetaten einiger Schüler dem geneigten Publikum nahe zu bringen. Allerdings kennen die Eltern inzwischen ihre Pappenheimer und Frau D. könnte die Namen auch gleich nennen. Aber die Erziehungsberechtigten der Raufbolde fehlen sowieso immer.

Highlight der Berichterstattung war für mich diesmal, dass ein Schüler einem anderen Jungen die volle Blumengießkanne über den Kopf ausschüttete, nur um ihm zu zeigen, wie doof er mit nassen Haaren aussieht. Das ist ein sehr seltsamer Humor, aber man muss auch nicht alles verstehen. Gleich darauf wurde ein Teil der Hausordnung vorgelesen, danach die Strafen, die daraus erwachsen können. Es fielen Begriffe wie Schulverweis, Nachsitzen und Schreiben mit Faktor 10. Also seine Verfehlungen zehnmal aufschreiben. Das erinnert mich an die Lausbubenfilme mit Hansi Kraus und Harald Juhnke. Apropos Harald Juhnke: Hätte ich nur vor dem Elternabend einen Schnaps getrunken.

Inzwischen ist eine knappe Stunde vergangen. Die Themen Klassenfahrt, Schulessen, Drogen, Liebschaften und das Mitleidheischen für die überforderten FSJler, die erst im Frühjahr ihr Abitur geschafft haben und gerade dem Schulmoloch entkommen sind, wurden noch nicht einmal angesprochen. Ich muss tief durchatmen.

Der Elternrat hatte sich schon Ende des letzten Schuljahres bereit erklärt, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen. Ich jubiliere innerlich, wieder etwas Zeit gespart.

Jetzt kommt das Schulessen dran. Jedesmal ist es dasselbe: Es wird gejammert, dass es nicht schmeckt, die Kinder würden es nicht essen wollen. Dabei ist es an dieser Schule Pflicht, sich wenigstens einen Kosteklecks geben zu lassen und diesen zu probieren. Hier sehe ich einen richtigen pädagogischen Ansatz. Aber Großküchenessen wird nun mal nicht in einem Sternerestaurant gekocht. Das müssten die Eltern inzwischen wissen. Ich werde ja auch jeden Tag in der Kantine daran erinnert.

So langsam werde ich müde. Das Thema Hausaufgaben wird aufgerufen. Die Stimme der Klassenleiterin ist zum leichten Rauschen geworden. Begierige Eltern stellen Fragen, die ich mir nicht mal erträumt hätte. Zum Glück ist das Thema Drogen an der Schule kein Problem, so dass an dieser Stelle nicht viel zu sagen ist. Das Thema Liebe ist bei pubertierenden Kinder schon präsent, Frau D. beruhigt die Eltern, was nicht ganz so einfach ist, wenn ich die eine oder andere Mutter leicht transpirierend am Tisch sitzen sehe.

Inzwischen ist die Zwei-Stunden-Grenze überschritten. Langsam könnte die Veranstaltung seinem Ende entgegen gehen. Ich melde mich zu Wort und sage, dass die Eltern gern noch untereinander die Schulwegsstreitereien diskutieren können. Aber bitte nach dem offiziellen Teil. Die Klassenleiterin blickt mich dankbar an. Das Ende ist nah. Alle Themen sind besprochen.

Frau D. bedankt sich bei den Anwesenden und wünscht uns einen schönen Heimweg. Zwei Stunden und fünfzehn Minuten dauerte das Schauspiel. Ich verlasse fluchtartig das Gebäude, bevor sich die apokalyptischen Reiter von den Stühlen erheben und sich in Einzelgesprächen auf die Klassenleiterin stürzen. Mit Mühe und Not erreiche ich mein Zuhause. Jetzt brauche ich einen Schnaps. Am besten einen Doppelten.

1 Comment »

  1. Ich hatte den Elternabend gestern an der Grundschule und nächste Woche an der weiterführenden Schule.
    Man fühlt sich wirklich zurück versetzt, mir fehlen am Ende nur noch die Eltern, die gerne die Lehrertasche tragen und diese Fragen, nur um des Fragens willen oder um wahrgenommen zu werden? Es bleibt mir auf ewig ein Rätsel und es wird auch nicht besser. 😀

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