Das Herbstnebelgespenst.

Müde stehen die Weiden und Schwarzerlen am Rande des Sees. Im Sommer spiegelten sie sich mit ihrem prächtiges Laubkleid im Wasser. Jetzt stehen dort kahle Gerippe aus Ästen und Zweigen, welche sich im grauen Wasser verlieren. Der Herbst hat das Wasser des Sees ergrauen lassen. Blätter schwimmen darinnen und bilden eine blasse gelb-rot-braune Wasserwiese. In der Nähe spottet der Eichelhäher laut sein „gärr-gärr“. Wahrscheinlich häht er gerade Eicheln. Auf der anderen Seite des Sees hämmert ein Buntspecht eifrig Morsezeichen in einen Stamm. Ein winziger Farbklecks an diesem grauen Tag. Ich versuche, die Klopfbotschaft des Spechtes zu entschlüsseln, doch ich bin eben kein geübter Funker und erkenne keine sinnvollen Mitteilungen. Aber bestimmt meiselt er den neuesten Waldtratsch in die mürbe Rinde des Baumes.

Langsam bricht der Abend herein und der Nebel kriecht aus den Büschen, wie ein lautloses Gespenst. Ein Gespenst, welches wie der süße Brei immer mehr und größer wird. Wenn ich jetzt nicht weiter laufe, wird es mich verschlingen und ich werde niemals den Weg nach Hause finden. Die Nacht wird sicher dunkel, denn die Wolken lassen weder den Mond, noch die Sterne auf die Erde scheinen. Der Nebel tut sein Übriges. Mein Schritt wird schneller. Inzwischen sind auch die Vögel verstummt und die Nebelschwaden haben die Herrschaft über die Landschaft übernommen.

Der Weg in die Zivilisation erscheint mir endlos und ich hoffe, dass ich in der Dunkelheit nirgendwo falsch abbiege. Nach etlicher Zeit sehe ich ein mattes gelbes Licht, welches sich kurz danach als Straßenlaterne entpuppt. Ich habe es geschafft, ich bin den Fängen des Herbstnebelgespenstes entkommen. Ob es Schweiß oder Nebel ist, den ich mir nun von der Stirn wische, ist mir jetzt auch egal.

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